die namib, unendliche weite soweit das auge reicht... und darüber hinaus

Der Motor des uralten Land Rover Defender, der seine besten Zeiten schon hinter sich hat und auch das Tachometer bereits  gänzlich den Dienst verweigert, jault furchterregend auf - während sich die heißen, luftarmen Reifen unermüdlich durch den Sand der Namibwüste wühlen - immer kurz vor oder im roten Bereich des Drehzahlmessers.

 

Mir selbst schwirren Bilder einer zerfetzten Zylinderkopfdichtung, gefolgt von einem unkontrollierten Abrutschen von der Düne im Kopf, herum. Doch natürlich kennt unser einheimischer Guide die Gegend - des Irgendwo im Nirgendwo der Dünen zwischen Walvis Bay und unserem Ziel der "Long Wall" in der Nähe von Sandwich Harbor im Westen Namibias - wie seine Westentasche.

 

Ausgangspunkt für diesen Halbtags- oder Ganztagsausflug ist Walvis Bay, eine der wenigen Städte an der Westküste Namibias und ca. eine halbe Autostunde vom bekannteren  Swakopmund entfernt.

 

Grundsätzlich ist der Ganztagsausflug einem Halbtagsausflug vorzuziehen. Ihr müsst euch keine Gedanken um die Gezeiten des Atlantik machen - denn nur bei Ebbe ist die Zufahrt zum Sandwich Harbor möglich - und Ihr habt genug Zeit die atemberaubende Landschaft und Natur zu genießen.

 

Touren sind direkt buchbar über Carsten Möhle von bwana, darüber hinaus finden sich weitere Informationen zum Veranstalter hier.

Die Oysterbox als gut geführtes B&B und direkt an der Esplanade mit Blick auf den Atlantik ist als Übernachtungsmöglichkeit sehr zu empfehlen. Darüber hinaus befindet sich das in den Atlantik ragende  Restaurant und Bistro "The Raft" fußläufig gegenüber (auch diese Location ist empfehlenswert).

 

Uns ist an diesem Tag (nur) eine Halbtagestour in die Namib vergönnt und es herrscht Flut, sodass eine Fahrt direkt bis zur Lagune Sandwich Harbor nicht möglich ist.

 

Flamingos in unmittelbarer Nähe der Straße in der Lagune südlich von Walvis Bay
Flamingos in unmittelbarer Nähe der Straße in der Lagune südlich von Walvis Bay

 

Bevor es auf ca. 55 km querfeldein durch die Dünen der Namib an die Küste des atlantischen Ozeans bis zur "Long Wall" geht, fahren wir südlich von Walvis Bay entlang der Lagune auf einer Salzstraße, bestehend aus den Salzresten der nahe gelegenen Salzgewinnungsanlage, als wir auf hunderte von Flamingos und einige Pelikane neben der Straße treffen.

 

Die Lagune südlich der Stadt ist mit über 5000 Jahren die älteste Namibias und ein international bekanntes Vogelschutzgebiet mit dem bedeutendsten Wattbereich im südlichen Afrika. Sie bietet bis zu 160.000 Vögeln Schutz und für über 200.000 Seeschwalben Nahrung bei ihren Zügen von und zu antarktischen Regionen.

 

Bis zu diesem Tag dachte ich "unser" Wattenmeer in der Nordsee wäre ein einmaliger Naturraum auf der Erde - weit gefehlt, die Region um Walvis Bay ist quasi "identisch" zu "unserem" Wattenmeer, inklusive Gezeiten, Flora und Fauna - bis eben auf Flamingos und Pelikane etc..

Ganz ehrlich - ich bin total aus dem Häuschen, da fliegt man um die halbe Welt, alles ist fremd, neu und aufregend und dann bemerkt man, dass man quasi in Sankt Peter Ording ist. Viel interessanter ist jedoch die Frage, wie konnten sich diese beiden Ökosysteme quasi identisch im Laufe der Evolution entwickeln. Die Natur ist einfach großartig, beeindruckend und lässt immer wieder viele Fragen offen...

 

Flamingos in unmittelbarer Nähe der Straße in der Lagune südlich von Walvis Bay.
Flamingos in unmittelbarer Nähe der Straße in der Lagune südlich von Walvis Bay.

 

Es geht noch ein bisschen weiter im Biologieunterricht (weil ich es so interessant finde) - die Rosafärbung des Gefieders der Flamingos basiert auf der Aufnahme von Carotinoiden (vor allem in planktonischen Algen enthalten) mit der Nahrung.

 

Diese Carotinoide werden in der Leber mit Hilfe von Enzymen umgewandelt, wobei unterschiedliche Pigmente enstehen, welche sich in der Haut und den Federn ausgewachsener Flamingos einlagern und eine Rosafärbung bewirken.

 

Pelikane (und was für welche) in unmittelbarer Nähe der Straße in der Lagune südlich von Walvis Bay.
Pelikane (und was für welche) in unmittelbarer Nähe der Straße in der Lagune südlich von Walvis Bay.

 

Die Pelikane haben es mir ganz besonders angetan und ich werde das Gefühl nicht los, die Exemplare der hiesigen Spezies sind extra large, quasi stellvertretend für alle Lebewesen in dieser Region, dank der hervorragenden Bedingungen des Benguela-Stroms.

 

Unser etwas betagter Land Rover Defender - es sollte jedoch niemals unterschätzt werden, was diese Fahrzeuge mit dem richtigen Fahrer zu leisten im Stande sind.
Unser etwas betagter Land Rover Defender - es sollte jedoch niemals unterschätzt werden, was diese Fahrzeuge mit dem richtigen Fahrer zu leisten im Stande sind.

 

Ab den ersten Sanddünen der Namib wird es dann rustikal, unser immerhin so erfahrener Land Rover Defender, dass der Kilometerzähler ganz seinen Geist aufgegeben hat, fängt heftig an zu ruckeln und zu hüpfen, begleitet von den zaudernden Sätzen unseres Guides - "Ob wir das wohl schaffen" und "ob der Wagen das noch aushält". Natürlich handelt es sich um einen Scherz seinerseits, um unerfahrenen Touristen ein wenig den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.

 

Schnell war klar, dass es sich im Wagen gänzlich um Wiederholungstäter handelt und auch niemand Angst hat. Dies hält unseren Guide zwar nicht davon ab seine Schauer Witze weiterhin zu machen, trägt jedoch fulminant zur allgemeinen Belustigung bei.

 

Die Dünen der Namib verändern sich stetig dank des Windes, ein lebendiges Ökosystem trotz der lebensfeindlichen Bedingungen.
Die Dünen der Namib verändern sich stetig dank des Windes, ein lebendiges Ökosystem trotz der lebensfeindlichen Bedingungen.

 

Die Namib ist mit ihrem Alter von ca. 80 Millionen Jahren die älteste Wüste der Welt und zugleich einer der unwirtlichsten und lebensfeindlichsten Orte unseres Planeten Erde; mit Tagestemperaturen von deutlich über 50 °C und Nachttemperaturen von unter 0 °C sowie jahrzehntelang andauernden Trockenperioden.

 

Die Trockenheit der Namib ist auf küstennahe, kalte Meeresströmungen zurückzuführen, analog zur Atacamawüste in Chile. An der Atlantikküste fließt der sehr kalte, aus der Antarktis kommende, Benguela-Strom. Das kalte Wasser führt zur Kondensation der in der Luft enthaltenen Feuchtigkeit. Infolge des kalten Wassers ist die Luftschichtung immer sehr stabil und verhindert überwiegend eine hochreichende Konvektion die zu Regen führen kann.

 

Dafür gibt es an ungefähr 200 Tagen im Jahr Nebel in der Küstenregion, der sich in den kalten frühen Morgenstunden niederschlägt und für viele der dort lebenden Tiere und Pflanzen die einzig verlässliche Feuchtigkeitsquelle ist.

 

Dünen fahren ist nichts für Anfänger, aber ein unglaublich schönes Gefühl - möchte diese Kunst auch noch Erlernen.
Dünen fahren ist nichts für Anfänger, aber ein unglaublich schönes Gefühl - möchte diese Kunst auch noch Erlernen.

 

Der Weg durch die Dünen der Namib ist keine Spazierfahrt. Die Front einer jeden Düne ist weicher und langgezogener als die Rückseite, die wesentlich steiler und härter ist. Die Beschaffenheit der Dünen wird unmittelbar vom Wind bestimmt. Die "windige" Front ist flacher und luftiger und weniger stabil infolge des die Düne hinaufwehenden Windes, während sich mit dem Passieren des Dünenkammes abrupte Windstille einstellt und zu einem steilen herabfallen und verfestigen des Sandes führt.

 

Geht man die Front einer Düne nicht agressiv genug an, d.h. der Motor jault am Ende im ersten Gang so laut, dass man sich ernsthaft Gedanken darüber macht, ob der Motor noch bis zum Dünenkamm durchhält, die Alternative ist ein rückwärtiges, partiell unkontrolliertes  Herabrollen der Düne.

Ist die Geschwindigkeit des Defenders am Dünenkamm hingegen zu hoch, so droht ein hinwegfliegen  über den Dünenkamm mit möglichem Überschlag und Herunterrollen infolge der wesentlich steilere und härteren Rückseite der Düne.

 

Die Kunst des Dünenfahrens besteht darin den Wagen auf dem Weg die Düne so in Bewegung zu halten, dass er nicht zum stehen kommt, sondern vielmehr erst genau auf dem Dünenkamm (natürlich mit einer Drehzahl im roten Bereich auf 0 schnellstmöglich), um dann die Rückseite der Düne auf dem eigens aufgeschwemmten Sand brummend und möglichst wenig bremsend herunterzurutschen.

 

Kein Kinderspiel bei Dünen die bis zu 100 Meter hoch sind. Wer das Dünenfahren richtig lernen will, der kann dies auf einer sogenannten Sperrgebietestour von Süden bis nach Walvis Bay erlernen.

Die Tour ist nur von Süden nach Norden möglich aufgrund des beschrie-benen Dünenbeschaffenheit und des Windes möglich. Eine Tour die bei mir auch noch ganz oben auf der Liste steht, aber auch eher nichts für Warmduscher...

 

 

Die einzige Zufahrt die zum Sandwich Harbor führt, nur bei Ebbe befahrbar und insbesondere nur für Einheimische oder zur Selbstüberschätzung neigende Egomanen.
Die einzige Zufahrt die zum Sandwich Harbor führt, nur bei Ebbe befahrbar und insbesondere nur für Einheimische oder zur Selbstüberschätzung neigende Egomanen.

 

Die Einfahrt zur Lagune Sandwich Harbor ist gänzlich unspektakulär und leicht zu übersehen. Wie bereits erwähnt ist diese Strecke nur bei Ebbe befahrbar, eine genaue Kenntnis der Gezeiten ist unabdingbar.

 

Selbst bei Ebbe sollte diese Strecke nicht als Selbstfahrer und schon gar nicht allein passiert werden. Wer es trotzdem nicht lassen kann sollte Schaufel, Seil, Highjacker und ein Funkgerät definitiv nicht vergessen - ich wünsche viel Erfolg und bin für das Erste froh mit einem ortskundigen Guide unterwegs zu sein.

 

Fahrzeuge lassen die Größendimensionen in endlose Weite der Dünen der Namib erahnen...
Fahrzeuge lassen die Größendimensionen in endlose Weite der Dünen der Namib erahnen...

 

Sandwich Harbor liegt circa 42 Kilometer südlich von Walvis Bay in Namibia und ist die Bezeichnung für einen ehemaligen Hafens, als auch eine Bezeichnung für die Bucht an sich.

 

Heute ist Sandwich Harbor „nur“ noch eine Lagune, die aufgrund zunehmender Versandungen der Meeresbucht entsteht. 1889 erlangte der Hafen sowohl politisch als auch wirtschaftlich als Versorgungshafen des damaligen Deutsch-Südwestafrika Relevanz. Es bestand auch eine Fischverarbeitungsanlage  und eine Schlachterei. Der Hafen selbst ist seit 1893 durch den Hafen von Swakopmund abgelöst.

 

Am Ziel angekommen, auf den Dünen, direkt an der sogenannten "Long Wall". Die letzten Meter werden zu Fuß zurückgelegt.
Am Ziel angekommen, auf den Dünen, direkt an der sogenannten "Long Wall". Die letzten Meter werden zu Fuß zurückgelegt.

 

Die letzten Meter bis zum Dünenkamm der "Long Wall" werden zu Fuß erklommen, bis der letzte Dünenkamm den Blick in die Ferne und über den Atlantik freigibt.

 

Der Ausblick von den bis zu 100 Meter hohen Dünen der "Long Wall" ist einfach unbeschreiblich und atemberaubend...
Der Ausblick von den bis zu 100 Meter hohen Dünen der "Long Wall" ist einfach unbeschreiblich und atemberaubend...

 

Es ist ein atemberaubender Ausblick, so weit das Auge reicht nichts als gelber Sand, Dünen und der dazu parallel verlaufende atlantische Ozean. Ein Moment der in Realität erlebt werden sollte und dessen Foto nur ein armseliger Ersatz ist.

 

Ich könnte mir vorstellen, dass sich hier jemand bzgl. der Idee der "Wall" in der Serie The Game of Thrones hat inspirieren lassen...

 

Nichts außer Sand und Wasser, die "Long Wall" läuft parallel zum atlantischen Ozean.
Nichts außer Sand und Wasser, die "Long Wall" läuft parallel zum atlantischen Ozean.

 

Namibia ist für mich im Süden insbesondere das Land der Weite, der Einsamkeit und der lebensfeindlichen Bedingungen. Auf der Wall zu sitzen ist glaube ich mein persönlicher Favorit zum Thema Weite, etwas Vergleichbares habe ich noch nicht erlebt.

 

Ein hundert Meter steiler Abhang führt von der Spitze der Dünen der "Long Wall" direkt in den atlantischen Ozean.
Ein hundert Meter steiler Abhang führt von der Spitze der Dünen der "Long Wall" direkt in den atlantischen Ozean.

 

Verdammt steil herunter verläuft der wasserseitige Dünenkamm, knapp 100 Meter bis direkt in den atlantischen Ozean.

 

Es ist ein herrliches Gefühl diese Sandabhänge herunterzulaufen, doch heute scheue ich mich vor dem mehr als anstrengenden Aufstieg.

 

Einfach ein unbeschreiblicher Ausblick...!
Einfach ein unbeschreiblicher Ausblick...!

 

Den ganzen Tag könnte ich auf dem Kamm sitzen bleiben und diesen Ausblick genießen.

 

Ein schier endloses Wellenmeer aus Sand in der ältesten Wüste der Welt, der Namib.
Ein schier endloses Wellenmeer aus Sand in der ältesten Wüste der Welt, der Namib.

 

Bei den schwarzen Schattierungen auf den Dünen handelt es sich im Übrigen um Eisen, welches einfach mit einem Magneten abgebaut werden kann. Zieht man den Magneten durch den Sand, so bleibt das Eisenerz daran haften.

 

Die Namib ist ein sagenhafter Ort in so vielerlei Hinsicht. Ich kann es wirklich nur jedem ans Herz legen, zumindest ein Mal in seinem Leben, einen Fuß in den Sand der Namib zu setzen...

 


Mehr Bloglinks zum Thema Namibia:

 

- über dem namibischen himmel ist die freiheit grenzenlos...

 

- namib wild horses namibia - eine begegnung mit einer neuen art, den

  "namibs"...

 

- das diamantensperrgebiet wilder und geschichtsträchtiger südwesten namibias -

  eine zeitreise im sand und wind in das zwangiste  Jahrhundert… (teil II) 

 

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   eine  zeitreise im sand und wind in das zwangiste  Jahrhundert… (teil I) 

 

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-  pleiten, pech und pannen: vom beherrschen des fotografischen werkzeugs,

   einmaligen    fotografischen gelegenheiten - und wie man diese glorreich

   versieben kann.

 

- namibia - und die suche nach dem abenteuer, eine selbstfahrerreise: teil

   i, wie   alles begann...

 

- namibia - auf der suche nach dem abenteuer in der kalahari - teil ii

 

- namibia - auf in die surreale mondlandschaft des südlichen fish river

  canyons   teil iii

 

- namibia - vom grenzfluß des orange river in den norden an den rand des   namib naukluft parks - teil iv

 

- namibia - die sagenhafte schönheit der sossusvlei und des dead vlei - teil

  v

 

- namibia - aus der hitze der wüste der sossusvlei an den kühlen  

  atlantischen ozean bis nach swakobmund –teil vi

 

- namibia - auf dem weg zu den „big five“ in den etosha nationalpark und

  über das waterberg plateau zurück nach windhoek – teil viii




fotografie und reiseblog - wüstentour durch die namib wüste in namibia bis zum sandich harbour